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Ausgewählte Erwerbungen der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

(1701 - 1800)

Programmzettel des Wiener Hetzamphitheaters vom 30. April 1758 oder 1769.
Erworben von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur: DD2018 D 2

Programmzettel des Wiener Hetzamphitheaters vom 30. April 1758 oder 1769 Programmzettel des Wiener Hetzamphitheaters vom 30. April 1758 oder 1769. 
Erworben von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur: DD2018 D 2

"Dieses abscheuliche Schauspiel in Wien zu finden, und so großen Zulauf zu demselben zu finden, muß einen Fremden in Erstaunen setzen", urteilt Friedrich Nicolai (1733–1811) über die Wiener "Thierhetze" im vierten Band seiner "Beschreibung einer Reise durch Deutschland und die Schweiz, im Jahre 1781" (Berlin 1784, S. 630). Es sei "unbegreiflich, wie in Wien sogar Leute, die nicht zum Pöbel gehören, mit Wohlgefallen diese Grausamkeiten ansehen können […]. " (Ebd., S. 630–631.)
"Diese Grausamkeiten" bezeichneten eine Veranstaltung im "k. k. privilegirten Hetzamphitheater", die Nicolai bei seinem Aufenthalt in Wien selbst besucht hatte und bei der verschiedene Tiere in einem Kampf auf Leben und Tod gegeneinander antreten mussten.

Der Franzose Carl Defraine (ca. 1727–1768) hatte 1755 die Erlaubnis zur Errichtung des hölzernen Amphitheaters erhalten, ebenso wie das Privileg, als einziger eine derartige Institution in Wien betreiben zu dürfen. Die Hetzen fanden von März bis November immer sonntags statt. Mit wöchentlichen Umzügen durch die Stadt, bei denen die Programmzettel verteilt wurden, wurde für die blutrünstige Veranstaltung geworben. Da das Geschäft mit den Tierkämpfen äußerst lukrativ war – die "Aufführungen" waren stets gut besucht –, wurde das Hetzamphitheater nach Defraines Tod unter die Verwaltung der "k. k. Obersten Hof-Theatral Direction" gestellt, die die Konzession für den Betrieb in den folgenden Jahren an verschiedene Pächter vergab. Am 3. September 1796 kam es nach 41-jährigem Bestehen des Hetzamphitheaters zu einem verheerenden Brand, nach dem das Theater nicht wieder aufgebaut wurde und die Wiener Hetzen damit ein Ende fanden.

Eine genaue zeitliche Verortung des vorliegenden Programmzettels ist nicht möglich: Zwar sind Monat, Tag und Wochentag angegeben, die Jahresangabe aber fehlt. Durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Programmen wird ersichtlich, dass dieses Blatt vor 1775 gedruckt worden sein muss, weil spätestens ab diesem Zeitpunkt eine Vignette mit einem anderen Motiv genutzt wurde und sich das Hetzamphitheater nicht mehr nur als dasjenige "vor dem Stubenthore" bezeichnete, sondern sich den Zusatz "unter den Weißgärbern" (= in der Vorstadt Weißgerber) gab. Aus der Zeit vor 1775 sind bis auf dieses Exemplar keine weiteren Programmzettel bekannt; zwischen 1755 und 1775 gibt es damit jedoch immer noch zwei mögliche Jahre, nämlich 1758 und 1769, in denen der 30. April auf einen Sonntag fiel.

Treffender als der schon zitierte Zeit- und Augenzeuge Nicolai kann man die Wiener Hetzen im Übrigen kaum beurteilen: "Es wurde ein zahmes Schwein und mit ihm zwey hungrige Wölfe hervorgebracht, welche das Schwein in Gegenwart aller Zuschauer lebendig auffraßen. […] Dieser schändliche Auftritt war in dem Anschlagszettel folgendermaßen beschrieben: "Die Raubwölfe werden auf lächerliche Art ihren Raub nehmen." Man muß wahrhaftig eine Hetzmeisterseele haben, um nur einen solchen Auftritt zu erdenken, geschweige darüber witzeln zu wollen." (Ebd., S. 637–638.)

Letzte Änderung: 01.09.2018

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