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Ausgewählte Erwerbungen der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen

(1701 - 1800)

Historiographus [d. i. Johann Gottfried Schnabel], Sonderbarer Bericht von dem beym Anfange des vorigen Seculi im Böhmer-Walde und zwar in einem Bären-Bau [...] gefundenen Wunder-Knaben [...], Erfurt 1747.
(Erworben von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur: DD2019 A 2 Rara)

Buchblock mit der Titelei Historiographus [d. i. Johann Gottfried Schnabel], Sonderbarer Bericht von dem beym Anfange des vorigen Seculi im Böhmer-Walde und zwar in einem Bären-Bau [...] gefundenen Wunder-Knaben [...], Erfurt 1747. 
(Erworben von der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, Signatur: DD2019 A 2 Rara)

Eine Erzählung, die „doch mehr als eine Erdichtung zu seyn scheint“ – als solche schätzte 1774 der Göttinger Ökonom und Naturhistoriker Johann Beckmann den 1747 erstmals veröffentlichten „Sonderbaren Bericht“ über einen zu Beginn des 17. Jahrhunderts in einer böhmischen Bärenhöhle aufgefundenen Jungen ein. Das Vorwort des unter dem Pseudonym „HistorIoGraphuS“ auftretenden Autors nennt das Werk allerdings eine „Wunder-Geschicht“ im Sinne aufklärerischer Ideale, die exemplarisch zeigen soll, dass „die vernünfftige menschliche Seele, in Ermangelung behöriger Education des Cörpers in ein thierisch degeneriren, und dennoch wieder in gute Ordnung gebracht werden kann“.

Der „Bericht“ erzählt entsprechend von einem geistig und körperlich verwarlosten, aber mit Bärenkräften ausgestattetem Jungen, dessen „gute Ordnung“ unter der Obhut eines philanthropen Grafen wiederhergestellt wird. Sein Wunsch nach einem Toilettenbesuch, seine Freude an prächtigen Gewändern und ein wundersamer Schatzfund in unmittelbarer Nähe der Bärenhöhle deuten dabei schon früh auf eine adlige Abstammung des Jungen hin. In dreifacher Anspielung auf seinen Fundort und seine Kräfte wird der Junge auf den Namen „Ignatius Augustinus Samson“ getauft. Als junger Mann tritt er eine abenteuerliche Grand Tour durch Europa an, die ihn nicht nur einen Löwen im Harz erlegen lässt, sondern unter anderem auch an die Höfe von Paris und Madrid, zum Pabst und an den Wiener Kaiserhof führt. Schließlich trifft er auf seine leiblichen Eltern, ein deutsches Fürstenpaar. Diese erkennen in dem „Wunder-Knaben“ dank eines Muttermals schließlich ihren „geliebten Sam-Sohn“ wieder, und die ganze Geschichte löst sich inklusive kaiserlicher Gnadenbekundungen, einem Offizierspatent und einer Hochzeit in allgemeines Wohlgefallen auf.

Ähnlich abenteuerlich stellt sich auch die Biographie des Autors dar: Hinter dem mit den Majuskeln I|G|S versehenem Pseudonym „HistorIoGraphuS“ verbirgt sich wohl Johann Gottfried Schnabel (1692 – ca. 1744 oder 1748), Vielschreiber und unter anderem Verfasser eines vierbändigen Bestsellers des 18. Jahrhunderts, der Sozialutopie „Wunderliche FATA einiger See-Fahrer“ (1731–1743) – besser bekannt unter dem Titel „Die Insel Felsenburg“ in der 1828 veröffentlichten Bearbeitung durch Ludwig Tieck (1773–1853). Der in Sandersdorf bei Bitterfeld geborene und früh verwaiste Schnabel besuchte die Lateinschule der Franckeschen Stiftungen in Halle, absolvierte anschließend eine Barbierlehre und diente als Feldscher während des Spanischen Erbfolgekriegs unter anderem unter Prinz Eugen – über den er 1736 auch eine Biographie veröffentlichte. 1724 wurde er Hofbarbier bei den Grafen zu Stolberg, später gräflicher Kammerdiener und Hofagent. Ab 1731 gab er die Zeitung „Stolbergische Sammlung Neuer und Merckwürdiger Welt-Geschichte“ heraus und verdingte sich als Schriftsteller, Lotterieeinehmer und Kommissionsbuchhändler. Schnabels genaues Todesdatum ist unbekannt.

Der Buchblock des vorliegenden Bandes im Oktavformat wurde nachträglich in einen etwas zu kleinen Einband aus rot gefärbtem Pergament mit Goldprägung eingehängt. Die Ausführung des Frontispiz, die mittelmäßige Papierqualität sowie das verhältnismäßig schlechte Lektorat lassen auf eine kostengünstige Herstellung des Drucks schließen. Zudem sind die letzten vier Seiten des Bandes in einer deutlich kleineren Type gedruckt – ganz offensichtlich, um einen sonst zusätzlich benötigten Druckbogen einzusparen. Das Exlibris auf dem fliegenden Vorsatz belegt, dass der Band Teil der Privatbibliothek des Idsteiner Sonder- und Heilpädagogen Max Kirmsse (1877–1946) war. Laut datiertem Besitzeintrag gelangte der vorliegende Band 1927 in Kirmsses Sammlung. Seinem Arbeits- und Interessenschwerpunkt enstprechend sammelte Kirmsse vor allem historische Literatur zu verschiedenen Themenfeldern der „Disability Studies“; der überwiegende Teil seiner Büchersammlung befindet sich heute in der UB Marburg sowie im Heilpädagogischen Archiv am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

Diese über die Sammlung Deutscher Drucke erworbene Erstausgabe von Schnabels Werk aus dem Jahr 1747 war nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit in keiner Bibliothek mehr nachgewiesen.

Letzte Änderung: 01.03.2019

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