15 Jahre Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke (AG SDD)

Jahresbericht 2004

Im Juni 1989 konstituierte sich im Haus der VolkswagenStiftung die Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke. Die Stiftung hatte dem deutschen Bibliothekswesen eine Summe von 25 Millionen DM gewährt und damit den Grundstock für das ehrgeizige Vorhaben gelegt, retrospektiv und arbeitsteilig eine Nationalbibliothek für den Zeitraum vor 1912 aufzubauen. Ein solches Zentrum für die Sammlung und Erschließung der nationalen Buchproduktion fehlt bis 1912 in Deutschland, was zu gravierenden Lücken in der gedruckten überlieferung des Landes geführt hat. Die an der AG SDD beteiligten Bibliotheken ergänzen ihre vorhandenen Altbestände für bestimmte Epochen der deutschen Buchproduktion durch Erwerbungen auf dem bis heute reichen deutschen und internationalen antiquarischen Buchmarkt mit dem Ziel diesen Mangel auszugleichen. Nach Beendigung der Förderung seitens der VolkswagenStiftung 1995 gewährleisten die Unterhaltsträger der an der AG SDD beteiligten Bibliotheken die weitere Finanzierung des Programms. Der Sammelzeitraum 1450-1912 wurde nach dem chronologischen Prinzip unter den in bestimmten Zeitsegmenten bestandsreichsten deutschen Bibliotheken aufgeteilt:

1450 - 1600 Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
1601 - 1700 Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB)
1701 - 1800 Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB)
1801 - 1870 Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
1871 - 1912 Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (SBB)
1913 ff. Die Deutsche Bibliothek

1995 hat sich Die Deutsche Bibliothek Frankfurt a.M. und Leipzig der Arbeitsgemeinschaft angeschlossen. Im Rahmen des Programms verfolgt sie vorrangig das Ziel, die in ihrem Bestand aufgrund des Fehlens einer Pflichtstückverordnung in Deutschland vor 1925 entstandenen Desiderata sowie die in den Jahren 1933-1945 in Deutschland aufgekommenen Fehlbestände auszugleichen.

In ihrer derzeitigen Eigenschaft als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft erstellte die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel auf der Basis der Jahresberichte der beteiligten Bibliotheken diesen überblick über die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft im Jahr 2004.

Antiquarischer Buchmarkt und Erwerbung

Seit 1989 haben die an der AG SDD beteiligten Bibliotheken jeweils etliche tausend Originalwerke aus ihren Sammelzeiträumen erworben und damit nicht nur die in den deutschen Bibliotheken vorhandenen Altbestände substantiell ausgebaut, sondern zugleich in großer Zahl Rara und bibliografische Novitäten aus den weltweit vorhandenen antiquarischen Ressourcen deutscher Drucke für die öffentlichkeit geborgen. Die sorgfältige Beobachtung und gezielte Auswertung des in- und ausländischen Antiquariats- und Auktionsangebotes ist dafür unerläßlich. In den 15 Jahren ihrer Tätigkeit haben sich die beteiligten Bibliotheken zu wichtigen Zentren dieser systematischen Marktbeobachtung entwickelt und wertvolle Verbindungen zu Händlern wie Sammlern und Sammlerinnen aufbauen können. Das belegt beispielsweise die 2004 von der Bayerischen Staatsbibliothek erworbene Sammlung Ingrid Faust mit 196 außerordentlich seltenen zoologischen Ephemera. Ein weiteres Beispiel stellen die Porträterwerbungen der Herzog August Bibliothek aus einem Fachantiquariat dar. Seit etlichen Jahren können hier aufgrund einer entgegenkommenden Preisgestaltung seitens des Händlers in größerer Zahl druckgrafische Porträtblätter aus dem 17. Jahrhundert erworben werden.

Im Jahr 2004 brachten alle Bibliotheken zusammen mehr als 5.200 Originalwerke durch Kauf und zu einem geringen Teil auch als Geschenke in die Bestände ein (Tab. 1). Die Bibliotheken, welche die jüngeren Zeiträume vertreten, erwarben entsprechend der Entwicklung der historischen Buchproduktion eine größere Anzahl von Büchern. Im Mittelpunkt der Bestandsergänzung steht der Ankauf von Originaldrucken. Sofern dies nicht möglich ist, werden ersatzweise auch moderne Reprints oder Filme und Fiches beschafft. Beispielsweise übernahm die Herzog August Bibliothek von der Universitätsbibliothek Wroclaw ein Konvolut von 33 Mikrofilmen, die in Wolfenbüttel fehlende Werke von Martin Opitz enthalten. Zusammen mit den mehr als zwei Dutzend bislang im Rahmen der SDD erworbenen Originalausgaben von Opitz und weiteren Sekundärformen dürfte auf diese Weise der umfangreichste Bestand der Werke dieses für die Epoche wie die deutsche Literaturgeschichte insgesamt so wichtigen Autors in einer deutschen Bibliothek zusammengetragen worden sein.

Originalausgaben Sekundärformen
Bibliogr. Einheiten Physische Einheiten
Bibliothek 2004 2003 2004 2003 2004 2003
BSB München 249 224 200 182 0 0
HAB Wolfenbüttel 557 499 440 359 36 5
SUB Göttingen 449 490 471 540 2.916 421
UB Frankfurt 869 934 928 935 794 369
SBB-PK Berlin 1.418 1.703 1.434 1.718 0 0
DDB 1.726 2.034 1.726 2.034 0 0
Gesamt 5.268 5.884 5.199 5.767 3.746 795


Tab. 1 : Gesamtzugang (Kauf und Geschenk)

Hatten einige Bibliotheken zunächst mehr oder weniger empfindliche Kürzungen in den Etatansätzen für die SDD zu beklagen, so gelang es ihnen im Lauf des Jahres, diese durch interne Mittelumschichtungen auszugleichen. Die übersicht über die im Jahr 2004 von den SDD-Bibliotheken aufgebrachten Erwerbungsmittel (Tab. 2) dokumentiert daher in summa einen Anstieg der Etats. So verfügte die BSB München aufgrund des insgesamt reduzierten Haushaltsvolumens zunächst über 200.000 Euro für die SDD. Durch zusätzliche Mittel, die im Laufe des Jahres bereitgestellt wurden, konnten jedoch insgesamt rund 285.000 Euro für SDD-Käufe verwendet werden. Auch der HAB war es möglich, einen anfangs gesenkten Haushaltsansatz im Lauf des Jahres aufzustocken. Die Staatsbibliothek zu Berlin ergänzte ihren SDD-Etat durch Sondermittel für den Ankauf eines sehr wertvollen Unikats. Die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. konnte den auf zunächst 100.000 Euro gekürzten SDD-Etat aus dem Projektkonto "Spenden" aufstocken, so daß 2004 sogar eine leicht über dem Vorjahr liegende Summe zur Verfügung stand. Der in der statistischen Auswertung zum Tragen kommende gravierende Rückgang des Etats der DDB stellt insofern nicht faktische Einbußen dar, da im Jahr 2003 ausnahmsweise eine überdurchschnittlich hohe Summe zur Verfügung stand.

Bibliothek Euro %
2004 2003 + / -
BSB München 285.571 220.447 +29,5%
HAB Wolfenbüttel 190.085 217.554 -12,7%
SUB Göttingen 149.801 148.415 -0,9%
StUB Frankfurt/M. 114.998 112.198 +2,5%
SBB Berlin 132.774 118.045 +12,5%
DDB 32.589 64.444 -49,5%
Gesamtausgaben 905.818 881.103 +2,8%


Tab. 2 : Gesamtausgaben Kauf

Der Anstieg der Erwerbungsmittel war allerdings nicht in allen Fällen ausreichend, um die grundsätzlich zu beobachtenden Preissteigerungen auf dem antiquarischen Buchmarkt aufzufangen, was sich u.a. in der zum Vorjahr geringeren Zahl der erworbenen Titel ausdrückt. Zugleich jedoch mag die gegenteilige Bilanz der Wolfenbütteler Bibliothek, die trotz Etateinbußen eine beträchtlich höhere Anzahl von Originalen erwerben konnte, belegen, daß allein statistische Auswertungen nur eine begrenzte Aussage über die Erwerbungstätigkeit innerhalb der AG SDD zulassen. Die beteiligten Bibliotheken versuchen, auf der Grundlage der reichen in ihren Häusern vorhandenen Altbestände die Diskrepanz zwischen Preisanstiegen und stagnierenden Erwerbungsmitteln durch gezielte Kaufstrategien auszugleichen. So verzichten sie mehrheitlich nicht nur auf eine starke Berücksichtigung von Spitzenstücken, sondern konzentrieren sich mehr oder weniger intensiv auf Erwerbungen aus dem Niedrigpreissektor. Nur auf diese Weise war es beispielsweise der SUB Göttingen möglich (66 % der Gesamterwerbung lagen unter 250 Euro) einige ausgewählte für die Epoche überdurchschnittlich teure Stücke anzukaufen.

Zugleich versuchen die Bibliotheken, das antiquarische Angebot in seiner Breite und entsprechend bestimmter Angebotsschwerpunkte in einem ausgewogenen Maß wahrzunehmen. Dabei müssen gelegentlich aufgrund der Bestandsstruktur gewählte fachliche oder gattungsspezifische Erwerbungsschwerpunkte korrigiert werden. So erwies sich der in der StUB/ SeB Frankfurt a.M. für 2004 verfolgte Schwerpunkt "Wirtschaft und Politik" aufgrund der Angebotsstruktur ebenso unergiebig wie die von der Herzog August Bibliothek stärker in das Erwerbungskalkül einbezogenen naturwissenschaftlichen und medizinischen Drucke. Hier war das Angebot zwar umfangreich und interessant, die deutlich über dem sonstigen Niveau liegenden Preise verhinderten jedoch den Ankauf einer relevanten Anzahl von Drucken.

Die Fächerstatistik der durch Kauf und Geschenk eingegangenen Originaldrucke (Tab. 3) belegt die breite Streuung der vorhandenen Erwerbungsmittel über nahezu alle Disziplinen und Schriftengattungen. Deutlich werden auch die epochenspezifischen Unterschiede in der Buchproduktion, so das starke Gewicht der theologischen Drucke in den früheren Epochen wie die kontinuierliche Zunahme der naturwissenschaftlichen und technischen Literatur in den jüngeren Jahrhunderten. Der in der Relation hohe Anteil von naturwissenschaftlichen Werken im Profil der Bayerischen Staatsbibliothek läßt sich mit der schon erwähnten Erwerbung einer geschlossenen Sammlung zoologischer Einblattdrucke und Flugschriften (Sammlung Ingrid Faust) begründen. In den Kaufprofilen der Bibliotheken schlägt sich regelmäßig auch die Zunahme der Buchproduktion in den Philologien nieder; deutlich erkennbar ist hier auch die Zunahme der Internationalität der in Deutschland gedruckten Bücher.

Die an der SDD beteiligten Bibliotheken verschaffen sich einen systematischen überblick über das deutsche und ausländische antiquarische Buchangebot und versuchen, die Angebote unterschiedlicher Bezugsquellen effizient auszuschöpfen. Das Gros der alten Drucke wird der Natur des Sammelauftrags gemäß im deutschen Handel erworben, gefolgt von österreich und der Schweiz. Abhängig von ihrer Angebots- und Preisstruktur finden der Lagerhandel und die Auktionen unterschiedliche Berücksichtigung. Während beispielsweise die StUB/ SeB Frankfurt a. M. 2004 nahezu Dreiviertel ihrer Ankäufe in Antiquariaten tätigte, kaufte die Herzog August Bibliothek fast 40 Prozent auf inländischen Auktionen. Besonders in den das 18. bis 20. Jahrhundert betreuenden Bibliotheken gewinnt die Nutzung elektronischer Anbieterverzeichnisse zunehmend an Bedeutung, beispielsweise in der regelmäßigen Abfrage von Desideratenlisten. Es hat sich als lohnend erwiesen, die bibliografischen Angaben von Drucken, die etwa aufgrund höherer Auktionsgebote nicht von den SDD-Bibliotheken erworben werden konnten, bei Gelegenheit mit den umfangreichen Angeboten elektronischer Anbieter, wie beispielsweise ZVAB (Zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher), abzugleichen.

Fach BSB
1450 - 1600
HAB
1601 - 1700
SUB
1701 - 1800
StUB/SeB
1801 - 1870
SBB
1871 - 1912
Allgemeines, Buch, Bibliothek 3 0 15 99 37
Philosophie 12 12 11 5 10
Psychologie 0 0 0 0 1
Religion, Theologie 82 99 64 53 63
Erziehung, Bildung 5 3 13 17 10
Gesellschaft, Wirtschaft 6 4 13 25 42
Politik, Verwaltung 5 43 11 28 24
Recht 8 24 7 40 6
Naturwissenschaften, (Astronomie, Physik, Biologie etc.), Mathematik, Technik 25 35 36 99 215
Medizin, Tiermedizin 4 23 45 83 31
Land-, Forst-, Hauswirtschaft 1 0 23 100 59
Kunst, Architektur 0 77 ¹ 11 8 52
Musik (inkl. Noten), Theater 25 5 1 10 241
Sport, Spiele 0 0 1 2 12
Allg. Philologie 0 2 0 5 24
Deutsche Philologie 3 70 101 174 212
Englische Phil. 0 0 12 5 69
Roman. Phil. 0 5 24 12 22
Klassische Phil. 15 8 7 7 8
Slawisch. Phil. 0 1 0 2 13
Sonstige Phil. 0 5 3 18 3
Geschichte, Archäologie, Volkskunde 6 17 55 109 113
Geografie 0 7 18 27 167
Gesamt 200 440 471 928 1.434


Tab. 3 : Fächerstatistik der Zeitsegmente 1450 - 1912 in physischen Einheiten
Originaldrucke (Kauf und Geschenk)

Rara und Rarissima - Erwerbungen aus sechs Jahrhunderten deutscher Buchproduktion

Eine kleine Auswahl besonderer Erwerbungen belegt nicht nur das breite Spektrum der deutschen Buchproduktion des 15. - 20. Jahrhunderts, sie zeigt zugleich die hervorragenden Möglichkeiten auf, die der antiquarische Buchmarkt den Bibliotheken heute noch bietet, seltene Drucke für öffentlichkeit und Forschung zu bewahren.

15. Jahrhundert (BSB München)

Stella Clericorum cuilibet clerico summe necessaria. Leipzig: Arnoldus de Colonia 1494.
Von größter Seltenheit, in Deutschland bisher nur zweimal nachgewiesen. Im 15. Jh. weit verbreitete Schrift über Beruf und Pflichten eines Geistlichen aus der Offizin des Arnold Neumarkt aus Köln, der zwischen 1492-1496 in Leipzig druckte. Bislang war kein Exemplar auf einer deutschen Nachkriegsauktion aufgetaucht.

[Ei]n newer vnd seltzamer Fisch vnd Meerwunder / ge= || [nan]t der Schwerdtfisch …Köln, 1584. Einblattdruck mit Holzschnitt und Typendruck.
Der Einblattdruck gibt eine Darstellung des Schwertfischs, von dem irrtümlich angenommen wie auch im Bild gezeigt wird, daß er mit seinem "Schwert" auch Menschen anfalle. Der gereimte Text umfaßt 68 Zeilen in zwei Spalten. Die Jahreszahl ist in die untere Bordüre eingefügt. Weltweit ist kein weiteres Exemplar dieses Drucks nachgewiesen. Aus der Sammlung Faust.
Die Einblattdrucke der Sammlung Faust gehören zu den 50 von der BSB 2004 erworbenen Werken, die bedeutendere Illustrationen enthalten.

16. Jahrhundert (BSB München)

49 der von der BSB München 2004 erworbenen Werke waren bislang nicht im Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des XVI. Jahrhunderts (VD 16) nachgewiesen.

Buch des Glücks. Hie hebt sich an das buch des glucks der kinder Adams. [Nürnberg: Wolf Huber od. Jobst Gutknecht um 1512/15].
Erste von 5 Ausgaben des 16. Jhs., höchst selten. In den älteren Bibliografien als Leipziger Druck geführt. Die 12 Kapitel behandeln die Zeichen: Widder - Ochse oder Stier - Zwillinge - Krebs - Löwe - Jungfrau - Waage - Skorpion - Schütze - Steinbock -Wassermann - Fische, und wollen aus dem Vornamen des "Fragenden" und seiner Mutter (wobei für die einzelnen Buchstaben Ziffern eingesetzt werden) durch eigenartige Berechnung das schicksalhafte Sternbild herausrechnen, das für den Fragenden maßgebend sein soll.

Accessus altaris. Sancti spiritus assit nobis gr(ati)a (...). Mainz: Peter Schöffer d. J. 1513.
Das wohl seltenste Erzeugnis der Mainzer Offizin von Peter Schöffer, durchgehend in Rot und Schwarz gedruckt. Ein früher in Frankfurt vorhandenes Exemplar ging durch Kriegseinwirkung verloren, dem einzigen anderen nachgewiesenen (Stadtbibliothek Mainz) fehlt das Schlußblatt mit dem Kolophon. Der Druck wird von Roth und im Anschluß auch vom VD 16 auf 1520 datiert, was Benzing in Zweifel zieht, da Schöffer zu dieser Zeit bereits in Worms tätig war. Benzings Vermutung, daß es sich um einen Druck von 1513 handelt, kann durch dieses Exemplar endgültig bestätigt werden.

17. Jahrhundert (HAB Wolfenbüttel)

Du Boyn, Maria Agnes: Christlicher Hertzen-Trost einer dem Drey-einigen Gott, Mariä ... Allen Lieben Heiligen Engeln ... zugethanen christlichen Seel. Prag: Muxel; Labaun 1695.
Das prachtvolle, mit Kupferstichen geschmückte Gebetbuch der unbekannten Verfasserin Maria Agnes Du Boyn, der Witwe eines Prager Forstmeisters, ist bibliografisch nicht nachzuweisen.

Jakob Bernoulli: La Pomme d'Eris ou le Combat des Déesses en vers Burlesques ... Composé à l'occasion des Nôces de Monsieur Jean Louys Frey & de Mademoiselle Marie Magdaleine Gernler. Basel: Bertsche 1681.
Die einzige Ausgabe der seltensten Veröffentlichung des Baseler Theologen und Mathematikers Jakob Bernoulli, der entscheidend zur Entwicklung und Verbreitung der Infinitesimalrechnung beigetragen hat. Aus Anlaß der Vermählung von Johann Ludwig Frey, dem Vater des gleichnamigen bekannten Theologen und seiner Braut, aus der ebenfalls bekannten Baseler Familie Gernler stammend, schrieb Bernoulli in Anlehnung an die "Gigantomachie" des französischen Dichter Paul Scarron ein 21-seitiges "Pôeme burlesque". Im Allgemeinen Helvetischen Lexikon von Hans Jacob Leu (Zürich, 1747) wird die nur mit den Initialien "J. B." unterzeichnete Schrift Bernoulli zugeordnet, der einzige nachweisbare Standort ist damit seit Ende des letzten Jahres in der Herzog August Bibliothek.

18. Jahrhundert (SUB Göttingen)

Anton Christian Hunnius (Hrsg.): Momus und Apollo. Eine Monatschrift zur Unterhaltung. Amsterdam: Holtrop 1794.
äußerst seltene und kurzlebige Zeitschrift (Nr. 1 März 1794 - Nr. 2 April 1794), deren Herausgeber auch Verfasser aller Beiträge war. Die Zeitschrift ist in keiner weiteren deutschen Bibliothek nachgewiesen.

Geschichte der Gräfin Courtainville, einer Standesperson die die Welt verlassen hatte. Wien und Leipzig: Mößle 1787.
Anonym erschienener Roman, der in keiner weiteren deutschen Bibliothek zu finden ist. Mit dem Wappensupralibros der Maria Anna, Erzherzogin von österreich.

1801 - 1870 (StUB/SeB Frankfurt a. M.)

Charles de Wolf Brownell: Die indianischen Racen von Nord- und Süd-Amerika. Ein Bericht über die vorzüglichsten eingeborenen Racen. New York: Bill 1858.
Deutsche Übersetzung von großer Seltenheit; mit 32 xylografischen Tafeln, 26 davon handkoloriert.

Anton Kalliauer: Umrisse von dem menschlichen Körper und seinen Theilen zum Nachzeichnen. Wien: Verlag des Kunst- und Industrie-Comptoirs 1804-1815.
Extrem seltene Künstleranatomie mit Textbeschreibungen.

1871 - 1912 (SBB Berlin)

Rudolf Mitzlaff: Die Kommandeure des Regiments der Gardes du Corps: 1740 bis 1890. Berlin: Dreyer [ca. 1890].
Das Unikat wurde ursprünglich für die Offiziersmesse der Gardes du Corps in Potsdam hergestellt.

Ambrosius Reger: Die Benediktiner in Alabama und Geschichte der Gründung von St. Bernard. Ein Beitrag zur Kirchen- und Kulturgeschichte Nord-Amerika's. Baltimore: Selbstverlag des Verfassers 1898.

1913ff. (DBB Frankfurt a.M. und Leipzig)

Stefan Zweig: Maria Stuart: Trad. De l' allemand par Alzir Hella. Paris 1936.
Nummer IV von 13 Exemplaren einer Vorzugsausgabe auf Japon impérial.

Hanns Kralik: Mensch, wie stolz das klingt. Paris 1934.
Original-Holzschnitt. Das einzige erhaltene Blatt aus dem Zyklus "Trotz alledem" über das KZ Börgermoor, in dem Kralik vor seiner Flucht nach Frankreich inhaftiert war. Eine der bekanntesten Grafiken aus dem antifaschistischen Widerstand, entstanden 1934 im französischen Exil. Handschriftlich signiert: Hanns Kralik 1935.

Notendrucke

Aufgrund der besonderen Dichte der Sammlungen in München und Berlin werden Notendrucke aus allen Jahrhunderten nur dort erworben. Die Bayerische Staatsbibliothek sammelt Notendrucke bis 1800, die Berliner Staatsbibliothek betreut den Zeitraum 1801 - 1912.

Johannes Stobaeus: Cantiones gratvlatoriae. In dedicationem novi templi a Tilsensibus, in gloriam dei extructi, ad excitandam animorum devotionem, amplissimo senatorum & scabinorum ordini, nec non civibus ejusdem reipub. Universis. Königsberg: Schmidt 1610.
Gelegenheitswerk des Königsberger Domkapellmeisters Johannes Stobaeus, dessen Werke im 2. Weltkrieg starke Verluste erlitten. Von den sechs Stimmbüchern sind nur die drei vorliegenden erhalten geblieben.

Karten

Landkarten werden für den Zeitraum 1450 - 1800 in den jeweiligen Mitgliedsbibliotheken gesammelt, die Staatsbibliothek zu Berlin ist für den Zeitraum 1800 - 1912 zuständig. Erworben wurde hier:

Neuester Schul-Atlas: der Jugend gewidmet. Ohne Ort [ca. 1880].
Auf Stoff gedruckt.

Erschließung und Digitalisierung

Mit der Erwerbung der durchweg seltenen und nur in wenigen Sammlungen oder gar nicht in öffentlichem Besitz nachgewiesenen Quellen sind für die beteiligten Bibliotheken besondere Aufgaben des Nachweises und der Erschließung verbunden. Auch wird der Erhaltungszustand der neuerworbenen Antiquaria überprüft und bei Bedarf werden restauratorische Maßnahmen ergriffen. Soweit es möglich ist, werden die seltensten bzw. die vom Zerfall besonders betroffenen Stücke, verfilmt oder digitalisiert.

Der Nachweis aller Erwerbungen erfolgt über die zuständigen Verbunddatenbanken nach den besonderen Standards für alte Drucke ². Zusätzlich fließen die Daten in wichtige Spezialverzeichnisse ein wie den Incunabula Short Title Catalogue, die nationalbibliografischen Verzeichnisse VD16 und VD17, die Zeitschriftendatenbank (ZDB) und Altkarten-Datenbank (IKAR). Wolfenbüttel, Göttingen und Frankfurt dokumentieren in elektronischen Neuerwerbungslisten regelmäßig den Ausbau der Sammlungen. In der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen wird zur Ergänzung der Titelaufnahmen zusätzlich bei allen seit 2003 erworbenen Titeln eine Bilddatei des Titelblatts im Internet bereitgestellt, auf die aus der Titelaufnahme heraus als Hyperlink zugegriffen werden kann. Um der großen Nachfrage der Benutzer nach digitalisierten Einblattdrucken zu entsprechen, werden in der Herzog August Bibliothek seit 2004 die neuerworbenen Einblattdrucke sofort im Anschluß an die Bearbeitung in der SDD-Arbeitsstelle im VD17 katalogisiert und digitalisiert.

Besondere Aufgaben wachsen der AG auch im Bereich der Digitalisierung ihrer seltenen Bestände zu. Nachdem alle Bibliotheken seit einigen Jahre Teile ihrer antiquarischen Neuerwerbungen in entsprechende Digitalisierungsprojekte einbringen (s. z.B. Druckgrafische Buchillustrationen des 15. Jh. in München, Festkultur online in Wolfenbüttel, Itineraria in Göttingen, 1848 - Flugschriften im Netz in Frankfurt, Preußische Rechtsquellen digital in Berlin und Exilpresse in Der Deutschen Bibliothek) mündeten die Aktivitäten nun in dem Vorhaben zu einem Portal digitalisierter Drucke (PDD). Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zunächst für 2 Jahre geförderte Portal soll die in Deutschland verfügbaren Digitalisierungsprojekte zu alten Drucken unter einer Oberfläche zusammenführen und sowohl auf Projekt-, Titel- , Struktur- und Volltextebene übergreifende Suchen ermöglichen. Der Aufbau des Portals erfolgt in Zusammenarbeit mit der Verbundzentrale Göttingen (VZG) als Projektleiter und dem Hochschulbibliothekszentrum in Köln (HBZ). Die SDD bringt in dieses Vorhaben ihre jeweils epochenspezifische Expertise ein und wird an der Entwicklung der erforderlichen Metadatenformate sowie an dem Harmonisierungsprozess der in diversen Projekten vorliegenden Daten maßgeblichen Anteil haben. Die dafür vorgesehene Stelle ist in Göttingen angesiedelt. Ebenso werden die SDD-Bibliotheken im Rahmen des Projektes OAI-Schnittstellen implementieren, über die Metadaten zu eigenen Projekten an das Portal übermittelt werden können.

Mit Blick auf den Fortgang im Jahr 2005 kann eine erste Pilotversion bereits unter der Adresse http://www.zvdd.de/ ("zvdd" für Zentralverzeichnis Digitalisierter Drucke) eingesehen werden. Dort finden sich neben einer sachlich gegliederten übersicht über maßgebliche Digitalisierungsprojekte auch bereits aus einzelnen Projekten eingespielte bibliografische Daten. Dabei kann der Nutzer wählen, ob er lieber mit der Oberfläche, dem "look and feel", des GBV oder der des HBZ sucht. Die Datenbasis ist in beiden Fällen dieselbe.

Benutzung und Öffentlichkeitsarbeit

Die Bedeutung der systematischen Erwerbungstätigkeit der AG SDD belegt die intensive Nutzung der neu erworbenen Drucke vor Ort wie auch die regelmäßige auswärtige Nachfrage etwa in Form von Verfilmungswünschen oder der Anforderung seltener Stücke für Ausstellungen. Beispielsweise wurden von der Staatsbibliothek zu Berlin im Rahmen der SDD erworbene seltene Kinderbücher in der Ausstellung "Goethe und Schiller für Kinder" im Freien Deutschen Hochstift von Dezember 2004 bis Februar 2005 sowie in der Ausstellung "10 + 5 = Gott" des Jüdischen Museums Berlin gezeigt. In der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen konnten 652 Benutzungsfälle von neuerworbenen Drucken des 18. Jahrhunderts im Lesesaal verbucht werden.

Die Referenten und Referentinnen der beteiligten Bibliotheken bemühen sich mit Veröffentlichungen, Vorträgen und weiteren Aktivitäten intensiv um die Erläuterung und Veranschaulichung der Aufgaben und Bedeutung der AG SDD. Zu den zahlreichen Aktivitäten im Jahr 2004 gehörten u.a. die Präsentation der Arbeitsgemeinschaft auf dem 45. Deutschen Historikertag in Kiel vom 14 .- 17.9.2004 durch die Wolfenbütteler Arbeitsstelle.
Im Rahmen eines zu Ehren von Roger E. Stoddard veranstalteten internationalen Symposiums der Houghton Library zum Thema "Acquisitions for Historical Collections" hielt Gerd-J. Bötte (SBB-PK) im März 2004 den Vortrag: "Collecting the German printed heritage - the Sammlung Deutscher Drucke as Germany's virtual national library" (s.a. Harvard Library Bulletin N.S. 15, 1-2 (2004), S. 77-84).
Auf der in der HAB Wolfenbüttel ebenfalls im März 2004 veranstalteten Tagung "Schloßbibliotheken in den Ländern der böhmischen Wenzelskrone in der Frühen Neuzeit" stellte Petra Feuerstein-Herz die Arbeitsgemeinschaft sowie das Zeitsegment 1601 - 1700 vor.
Von Mai bis August 2004 wurde in der Deutschen Bücherei Leipzig eine Ausstellung von Kinder- und Jugendliteratur zu Holocaust und Nationalsozialismus unter dem Titel "Kindern vom Faschismus erzählen" gezeigt.
Eine überarbeitete und aktualisierte Fassung des von Olaf Hamann (SBB-PK) im Rahmen der internationalen "Rumjancev-Lesungen 2002" in Moskau gehaltenen Vortrags über die Entwicklung der SDD wurde in der russischen Bibliothekszeitschrift "Bibliotekovedenie" (Moskau: Rossijskaja Gosudarstvennaja Biblioteka 4 (2004)) veröffentlicht.

Das konzentrierte Sammeln und die vielfältige Erschließung seltener und im Gesamtbestand der deutschen Bibliotheken bislang fehlender Drucke der deutschen Buchproduktion aus den vergangenen Jahrhunderten leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Sicherung und Erhaltung unseres kulturellen Erbes und verbindet die Bibliotheken zugleich unmittelbar mit der internationalen Forschung und Lehre. Auf der soliden Grundlage, welche die VolkswagenStiftung in ihrer Förderung der AG SDD von 1989 - 1995 geschaffen hat, war es in den nunmehr 15 Jahren des Bestehens der Arbeitsgemeinschaft möglich, dem Ziel einer retrospektiven Nationalbibliothek kontinuierlich näherzukommen.

Die Verfasserin Dr. Petra Feuerstein-Herz ist seit 1989 zuständig für die Sammlung Deutscher Drucke 1601 - 1700 an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Lessingplatz 1, 38304 Wolfenbüttel.



¹Hier enthalten 75 Porträtblätter.

²Vgl. z.B. für den Bereich des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV) den AAD-Standard für die autoptische Katalogisierung Alter Drucke der Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke beim GBV

 
E-Mail-IconAnnette Wehmeyer