"Eine Nationalbibliothek - in Segmenten"

Jahresbericht 2003 der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke (AG SDD)

Aufgabe

Auf der Grundlage von Bernhard Fabians Idee einer retrospektiven, segmentierten Nationalbibliothek ¹ entstand 1989 die Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke. Ihr Ziel ist es, das Fehlen einer historisch gewachsenen Nationalbibliothek in Deutschland zu kompensieren. Die beteiligten Bibliotheken ergänzen ihre vorhandenen Altbestände für bestimmte Epochen der deutschen Buchproduktion durch antiquarische Ankäufe mit dem Ziel, einst gemeinsam ein annähernd vollständiges "deutsches Nationalarchiv gedruckter Texte" repräsentieren zu können.

In der AG SDD sind die folgenden Bibliotheken für die jeweils angegebenen Zeitsegment zuständig:

1450 - 1600 Bayerische Staatsbibliothek München (BSB)
1601 - 1700 Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel (HAB)
1701 - 1800 Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen (SUB)
1801 - 1870 Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg
1871 - 1912 Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (SBB)
1913 ff. Die Deutsche Bibliothek


Gegenwärtig hat die Herzog August Bibliothek den Vorsitz in der AG SDD inne. Auf der Basis der Jahresberichte der beteiligten Bibliotheken erstellte sie diesen Überblick über die Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft im Jahr 2003.

Erwerbungen

Seit ihrem Bestehen ist es der Arbeitsgemeinschaft gelungen, annähernd 100.000 Originaldrucke des 15. - 20. Jahrhunderts zu erwerben. Diese bemerkenswerte Anzahl belegt die hervorragenden Möglichkeiten, die der weltweite antiquarische Buchmarkt bietet, um die einst schon systematisch angelegten Sammlungen heute noch gezielt ausbauen zu können. Im Mittelpunkt der Erwerbungstätigkeit aller beteiligten Bibliotheken steht der Ankauf von Drucken, die sich im Rahmen der zur Verfügung stehenden Nachweisinstrumente nicht in öffentlichem Besitz belegen lassen. Die Auswertung der abgeschlossenen bzw. weit im Aufbau vorangeschrittenen nationalbibliografischen Verzeichnisse VD16 und VD17 wie auch die Erfahrungen der intensiven Übersicht über das internationale antiquarische Buchangebot in den Mitgliedsbibliotheken der Sammlung Deutscher Drucke geben zu erkennen, dass erhebliche Lücken im Gesamtbestand des nationalen Schrifttums im Besitz der deutschen Bibliotheken bestehen: das Fehlen eines systematischen Sammelauftrags bzw. gezielter Erwerbungsabsprachen zwischen den Bibliotheken sowie der Mangel einer einheitlichen Pflichtexemplarregelung haben in der Vergangenheit des deutschen Bibliothekswesens zu diesen Lücken geführt.

Im Jahr 2003 konnten von allen Bibliotheken zusammen annähernd 5900 Originalwerke durch Kauf bzw. als Geschenke in die Bestände aufgenommen werden. Gemäß der Entwicklung der Buchproduktion seit Beginn des Buchdrucks bis zum 20. Jahrhundert steigt auch die Anzahl der erworbenen Drucke mit den jüngeren Jahrhunderten an (Tab. 1). Besonders hohe Zugänge können die Bibliotheken verbuchen, die das 19. und 20. Jahrhundert betreuen. Grundsätzlich sind auch Sekundärformen für die Erwerbung vorgesehen, sie haben jedoch keinen systematischen Stellenwert im Erwerbungsverfahren. Alle Bibliotheken nutzen die zur Verfügung stehenden Mittel in erster Linie zur Ausschöpfung des reichhaltigen Angebots von Originaldrucken. Im Jahr 2003 wurden nur von Drucken des 18. und 19. Jahrhunderts nennenswerte Mengen von Mikroformen angekauft.

Tabelle 1: Gesamtzugang

Bibliothek Originalausgaben, bibliografische
Einheiten
Originalausgaben,
physische
Einheiten
Sekundärformen
physische
Einheiten
2003 2002 2003 2002 2003 2002
BSB München 224 288 181 214 0 1.100
HAB Wolfenbüttel 499 637 359 428 5 3
SUB Göttingen 490 505 540 552 421 2
UB Frankfurt 934 763 935 858 369 239
SBB Berlin 1.703 1.426 1.718 1.426 0 13
Die Dt. Bibl. 2.034 2.761 o.A. 2761 0 0
Gesamterw. 5.884 6.380 5.767 6.239 795 1.357


Tabelle 2: Gesamtausgaben Kauf

Bibliothek
2003 2002 + / -
BSB München 220.447 281.187 - 21,6%
HAB Wolfenbüttel 217.554 201.106 + 8,1%
SUB Göttingen 148.415 149.860 - 1%
UB Frankfurt 112.198 123.407 - 9,6%
Die Dt. Bibl. 64.444 76.709 - 16%
Gesamtausg. 881.103 924.889 - 4,7%


Die Zusammenstellung der im Jahr 2003 von den SDD-Bibliotheken für die Erwerbungen aufgebrachten Summen (Tab. 2) führt die für die SDD vorgesehenen Haushaltsmittel der beteiligten Bibliotheken auf. Darüber hinaus gelang es in den vergangenen Jahren einzelnen Bibliotheken, zusätzliche Mittel für den Ankauf besonderer, exzeptionell teurer Einzelstücke aufzubringen. So konnte die BSB München 2003 zusätzlich zu dem o.g. Betrag 190.000 Euro zum Ankauf von 3 unikalen Blockbüchern u.a. aufgrund einer großzügigen Spende der Förderer und Freunde der Bayerischen Staatsbibliothek aufwenden.

Die Gesamtübersicht über das Erwerbungsvolumen dokumentiert einen leichten, in der Zusammenschau nicht dramatischen Rückgang der Erwerbungstätigkeit der Sammlung Deutscher Drucke. Gleichwohl sind unter den Bibliotheken stärkere Schwankungen zu beobachten. So standen zwar der Herzog August Bibliothek und der Staatsbibliothek zu Berlin höhere Summen zur Verfügung, alle anderen mussten jedoch zum Teil erhebliche Etatverluste hinnehmen. Insgesamt war damit auch die Anzahl der erworbenen Drucke rückläufig. Durch gezielte Erwerbungsstrategien versuchen die betroffenen Bibliotheken diesen Mangel, der teilweise von Preisanstiegen noch verstärkt wird, auszugleichen, um zumindest in einem eingeschränkten Maß einen gleichmäßigen Ausbau der Sammlungen und das regelmäßige Ausschöpfen der gebotenen antiquarischen Ressourcen zu gewährleisten (s.u.).

Die Übersicht der durch Kauf und Geschenk in die Bibliotheken eingebrachten Drucke illustriert auch in diesem Erwerbungsjahr einen der maßgeblichen Erwerbungsgrundsätze der Sammlung Deutscher Drucke: Alle Bibliotheken streben für ihren Sammelzeitraum an, einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Buchproduktion zu erwerben. Die breite Streuung der Mittel auf das gesamte Angebot des antiquarischen Buchmarkts soll den Ausbau der vorhandenen Altbestände in der gesamten notwendigen Breite gewährleisten. Wie die Fächerstatistik zeigt (Tab. 3) werden die klassischen geisteswissenschaftlichen Diszplinen ebenso wie alle Naturwissenschaften, die Medizin und die "modernen" Fächer berücksichtigt. Dennoch kommt es aufgrund bestimmter Rahmenbedingungen zu einzelnen Erwerbungsspitzen in bestimmten Fachbereichen und Epochen. Auch wenn die Theologica in den historischen Altbeständen in München und Wolfenbüttel sehr umfassend vertreten sind, gehört die Anzahl der erworbenen Titel aufgrund der Dominanz der theologischen Literatur innerhalb der Buchproduktion in den früheren Jahrhunderten regelmä&szig;ig zu den stärksten Erwerbungsgruppen. Ebenso verhält es sich mit den Philologien in den die jüngeren Epochen betreuenden Bibliotheken. Der Natur des Sammelauftrags gemäß ist hierbei quantitativ herausragend die Zahl der gedruckten Werke der deutschsprachigen Schönen Literatur.

Tabelle 3: Fächerstatistik der Zeitsegemente 1450 - 1912 in physischen Einheiten

Fach BSB
1450 - 1600
HAB
1601 - 1700
SUB
1701 - 1800
UB Ffm
1801 - 1870
SBB
1871 - 1912
Allgemeines, Buch, Bibliothek 2 0 15 20 19
Philosophie 10 15 21 5 11
Psychologie 1 0 0 0 3
Religion, Theologie 73 127 77 101 105
Erziehung, Bildung 5 1 11 8 31
Gesellschaft, Wirtschaft 33 5 34 6 47
Politik, Verwaltung 10 24 8 15 25
Recht 6 20 13 1 29
Naturwissenschaft, Mathematik, Technik 3 43 67 68 170
Medizin, Tiermedizin 3 28 34 62 103
Land-, Forst-, Hauswirtschaft 1 7 30 40 222
Kunst, Architektur 0 2 9 5 40
Musik, Theater 7 2 2 2 288
Sport, Spiele 0 1 2 0 16
Allg. Philologie 0 1 0 11 3
Deutsche Philologie 1 46 107 429 180
Englische Phil. 0 0 7 15 96
Romanische Phil. 0 8 14 23 14
Klassische Phil. 19 4 3 6 13
Slaw. Phil. 0 0 0 1 6
Sonstige Phil. 0 3 3 6 7
Geschichte, Archäologie, Volkskunde 4 14 64 61 129
Geographie 3 8 19 50 146
Gesamt 181 359 540 935 1.703


Neben dem epochenspezifischen Fächerprofil der Buchproduktion in den früheren Jahrhunderten und der Struktur der jeweils vorhandenen Altbestände beeinflussen die Angebotsbedingungen der Antiquariate und Auktionshäuser im In- und Ausland das Erwerbungsprofil der einzelnen SDD-Bibliotheken. So bewegen sich einzelne Fächer, wie die Theologie, und Schriftengattungen, wie beispielsweise Dissertationen und Kleinschriften, im Regelfall nicht im Hochpreisbereich.

Es ist ein schwieriges Geschäft, in Zeiten knapper öffentlicher Mittel und hoher Buchpreise, das vielseitige Angebot des internationalen Antiquariatsmarktes, der nicht selten nur noch in einzelnen Exemplaren überlieferte Druckerzeugnisse vergangener Epochen der deutschen Buchproduktion hervorbringt, in der für den Aufbau einer retrospektiven Nationalbibliothek notwendigen Bandbreite ausschöpfen zu können. Die von Fabian vorgeschlagene und in der AG SDD realisierte segmentierte Nationalbibliothek hat sich auch unter diesem Gesichtspunkt bewährt: Die beteiligten Bibliotheken besitzen sehr dichte Sammlungen für die ihnen übertragenen Sammelzeiträume; damit können sie in der Mehrzahl auch die besonders repräsentativen und heute sehr teuer gehandelten Drucke vorweisen. So ist es möglich, die Spannung zwischen geringen Erwerbungsetats und steigenden Buchpreisen in einem bestimmten Umfang auszugleichen und die Bestandsergänzung durchgehend auf einem gewissen Niveau zu gewährleisten.

Vom Blockbuch bis zur Exilpresse - Ausgewählte Erwerbungen aus sechs Jahrhunderten deutscher Buchproduktion

Eine kleine Auswahl besonderer Erwerbungen mag das breite, die deutsche Buchproduktion des 15.-20. Jahrhunderts repräsentierende Spektrum der AG SDD illustrieren:

15. Jahrhundert (BSB München)

Mit Sondermitteln konnten drei unikale, prächtig kolorierte Einblatt-Blockdrucke erworben werden: eine Heilige Veronika mit Schweißtuch, eine Maria im Rosenkranz und ein Guter Hirte; entstanden jeweils in Süddeutschland im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts.

Hermannus de Schildesche: Speculum manuale sacerdotum. Bamberg um 1490.
Von den zahlreichen handschriftlich weitverbreiteten Abhandlungen des Augustiner-Eremiten Hermann aus Schildesche bei Bielefeld, Magister in Paris und später bischöflicher Generalvikar in Würzburg, wurde nur die vorliegende gedruckt. Laut GW sind weltweit nur 10 Exemplare bekannt.

16. Jahrhundert (BSB München)

Salus anime, zu Tewtsch Selen heyl genant, mit vil schoenen gebeten vnd figuren. Nürnberg [1515]
Schön illustriertes und seltenes Andachtsbuch. Die Holzschnitte stammen meist von Hans Springinklee. Im VD 16 bisher für keine Bibliothek nachgewiesen.

Johannes Wolmar: Pronosticatio vann dem Jair unsers Herren M.CCCCC XXXIIII., Köln [1534]
Vorhersagen über Regierende, Krankheiten, Kriege, bestimmte Sternzeichen u.ä. Im VD 16 bisher für keine Bibliothek nachgewiesen.

17. Jahrhundert (HAB Wolfenbüttel)

Lucas Beselin: Exercitium astronomico-astrologicum circa magnam solis eclipsin, die 13/23 Septembr. anni praesentis 1699 celebrandam. Halle 1699
Wichtiges Dokument zur Rezeption von Johann Keplers Rudolphinischen Tafeln (1627) im späten 17. Jahrhundert: Sowohl der gedruckte Text über die Berechnung einer Sonnenfinsternis aus dem Jahr 1699 als auch die umfangreichen handschriftlichen Notizen in dem durchschossenen Exemplar verweisen auf Keplers Werk.

Die fliegende und lauffende Reichs-Feder Güldener Send-Schreiben. Nürnberg 1675
Bislang nur in früheren Ausgaben nachzuweisender Briefsteller, der aus der weltweit umfassendsten Sammlung von älterer Jagdliteratur, der "Bibliotheca Tiliana" von Kurt Lindner (1906 - 1987) stammt, die nun auf einer Münchener Auktion versteigert wurde.

18. Jahrhundert (NSUB Göttingen)

Nachricht von den sogenannten oder sich so genennet habenden Bockreitern, einer für unsere Zeiten unförmlichen Bande verschworener Räuber. [S. l.], 1781.
Seltene Monographie über die sog. Bockreiter, eine Räuberbande aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. In keiner deutschen Bibliothek nachgewiesen.

Ideenmagazin für Liebhaber von Gärten, englischen Anlagen und für besitzer von Landgütern. Leipzig: Baumgärtner 1796-1806.
Erwerb von 45 der insgesamt 60 erschienenen Hefte mit 555 Kupfern, so vollständig in keiner deutschen Bibliothek nachgewiesen.

1801 - 1870 (UB Frankfurt am Main)

J. E. C. Walter: Flora oder Prachtblumen. Kopenhagen ca. 1835
Sehr seltener Prachtband mit 48 handkolorierten Tafeln mit dänisch-deutschem Paralleltext.

Volks-Blätter. Berlin 1 (1813) - 215 (1816)
Periodikum für die "niederen Stände". In dieser Vollständigkeit von größter Seltenheit.

1871 - 1912 (SBB Berlin)

Georg Bräutigam: Ostasiatische Fahrten: Erinnerung an meine Dienstzeit bei der Kaiserl. Deutschen Marine an Bord S.M.S. "Scharnhorst" 1909 - 1911. Tsingtau ca. 1912
Sehr seltener Druck aus der frühen deutschen Kolonie (1898 - 1914). Einziger Nachweis im KVK.

E. Lochowitz: Was ich dichte und was ich denke. Lodz' 1904.
Seltene Kleinschrift. Einzige bekannte Veröffentlichung des sonsten unbekannten Autors. Kein Nachweis im KVK.

1913 ff. (Die Deutsche Bibliothek, Leipzig, Frankfurt am Main, Berlin)

Deutsche Bücher: 1933-1934. Paris: Editions du Carrefour 1934
Seltenes Dokument zur Buch- und Verlagsgeschichte des Exils. Verlagsverzeichnis des von Willi Münzberg im Exil gegründeten Verlages, das neben anderen Exilwerken "das erste Buch Bert Brechts nach der Machtergreifung" als "Ein Gedichtband" ankündigt, der dann unter dem Titel "Lieder, Gedichte, Chöre" erschien.

Die Zeitung. Übersee-Ausgabe. London: Maxwell 3 (1943) - 4 (1944)
24 originale Ausgaben der Dünndruck-Ausgabe, die zum Vertrieb in Übersee und für den Abwurf über Deutschland durch die Royal Aire Force bestimmt war. Bislang kein Bestandsnachweis in einer deutschen Bibliothek.

Notendrucke

Aufgrund der besonderen Dichte der Sammlungen in München und Berlin werden Notendrucke aus allen Jahrhunderten nur dort erworben. Die Bayerische Staatsbibliothek sammelt Notendrucke bis 1800, die Berliner Staatsbibliothek betreut den Zeitraum 1801 - 1912.

Johan Staden: Neue Pavanen, Galliarden, Curranten, Balletten, Intraden und Canzonen. Nürnberg 1618
Vollständiger Stimmensatz mit vier- und fünfstimmigen Instrumentalwerken des Nürnberger Musikers Staden (1581 - 1634). So in keinem anderen Exemplar bekannt. Mit den hier komplett vorliegenden fünf Stimmbüchern ist jetzt erstmals die Möglichkeit der Aufführung gegeben.

Wolfgang Amadeus Mozart: Sérénade pour deux Clarinettes, deux Hautbois, 2 Cors & 2 Bassons: No. 2. [Stimmen]. Offenbach 1810

Karten

Landkarten werden für den Zeitraum 1450 - 1800 in den jeweiligen Mitgliedesbibliotheken gesammelt, die Staatsbibliothek zu Berlin ist für den Zeitraum 1800 - 1912 zuständig. Erworben wurde hier:

Johann Elert Bode: Himmels-Kugel: Auf welcher die Sterne nach den vollst. Beob. Verzeichnet sind für das Jahr 1800. Nürnberg 1804.
Himmelsglobus mit 31 cm Durchmesser

Antiquariatsmarkt und Preise

Eine die Besonderheiten der alten Sammlungen berücksichtende antiquarische Bucherwerbung kann nicht an der großen Bandbreite und Vielgestaltigkeit des internationalen antiquarischen Buchmarkts vorbei. Die umfassenden Angebote der deutschen, europäischen und amerikanischen Antiquariate und Auktionshäuser werden systematisch für alle Epochen der deutschen Buchproduktion ausgewertet. Können die Angebote aufgrund des Preises oder anderer Kriterien nicht wahrgenommen werden, halten die Bibliotheken die fehlenden Titel mehrheitlich als Desiderate fest.

Nach den aufgrund des Eurokurses für die Länder der EU und damit für inländische Käufer schwierigen Jahren im deutschen Antiquariatshandel, führt der starke Euro nun dazu, dass die Nachfrage aus den Nicht- EU-Ländern, namentlich die der amerikanischen und Schweizer Kunden, nun zunehmend verhaltener wird. Das ermöglichte es den Bibliotheken, besonders auf den inländischen Auktionen gut mitzuhalten. Die Herzog August Bibliothek beispielsweise erwarb etwas mehr als die Hälfte aller Drucke im Jahr 2003 auf den Auktionen in Deutschland. Im Gesamtergebnis der SDD-Bibliotheken stammt jedoch die weitaus größte Zahl der Erwerbungen aus dem Angebot der in- und ausländischen Lagerantiquariate. Besonders die Bibliotheken, die die jüngeren Jahrhunderte betreuen, greifen zunehmend auf die Angebote im Internet zurück. Die Staatsbibliothek zu Berlin berichtet, dass sie von Jahr zu Jahr mehr diese durch die Einrichtung verbesserter Suchmaschinen für die antiquarische Erwerbung der Bibliotheken attraktiver gewordenen Offerten nutzt. Alle Bibliotheken nehmen in Einzelfällen auch die oft besonders interessanten Angebote aus privaten Sammlungen wahr.

Die SDD-Bibliotheken können mehrheitlich von einer leichten Abnahme der von ihnen für die Antiquaria gezahlten Preise berichten, was unter den gegebenen Umständen nicht auf einen absoluten Rückgang der Buchpreise, sondern auf die flexible Schwerpunktsetzung der Bibliotheken zurückzuführen ist. Auf der Grundlage der Preis- und Angebotsstruktur reagieren die verantwortlichen Bibliothekare und Bibliothekarinnen vor dem Hintergrund der vorhandenen Bestandsdichte mit unterschiedlichen Erwerbungsstrategien. Zugunsten der Wahrung einer ausgewogenen Bestandsergänzung verzichteten die Göttinger und Berliner Bibliotheken beispielsweise im Jahr 2003 beinahe ganz auf den Ankauf einzelner teurer Spitzenstücke. Frankfurt konnte aufgrund gezielter Preisvergleiche mit dem Internetanbieter ZVAB zu einer mehr als achtprozentigen Senkung gelangen. In Wolfenbüttel und München wurden aufgrund des Angebots von absoluten Ausnahmestücken in diesem Jahr solche Ankäufe in einem vertretbaren Rahmen realisiert. In der Herzog August Bibliothek nahm man dafür einen Anstieg des Durchschnittspreises im Rahmen von unter 10 Prozent in Kauf; in der Bayerischen Staatsbibliothek achtete man hingegen auf ein strenges Limit für die Mehrzahl der Ankäufe im unteren Preisbereich und konnte auf diese Weise sogar eine drastische Kürzung des statischen Preises erzielen.

Neben der umsichtigen Beobachtung und Ausschöpfung der internationalen antiquarischen Ressourcen wollen die Bibliotheken der AG SDD ihren aktiven Beitrag zur Erhaltung und Erschließung des nationalen Kulturguts auch mit der besonderen Beachtung spezieller Angebote, wie den immer wieder zu beklagenden Verkäufen alter geschlossener Sammlungen, verdeutlichen. Ein solcher Fall war im Jahr 2003 mit dem international vielbeachteten Verkauf von großen Teilen der weltweit umfassensten Sammlung älterer Jagdliteratur, der Bibliotheca Tiliana (Sammlung Kurt Lindner), gegeben. Die Mehrzahl der SDD-Bibliotheken beteiligte sich intensiv an der Ersteigerung von Stücken dieses aus zahlreichen Rara und Rarissma bestehenden Bestands gegen heftige Mitgebote besonders aus dem europäischen Ausland, namentlich dem italienischen und Schweizer Handel. Auf diese Weise gelang es, eine Reihe äußerst seltener Stücke dieser Provenienz der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein solches Engagement der retrospektiven Nationalbibliothek wird von der Öffentlichkeit positiv wahrgenommen ².

Die Sammlung Deutscher Drucke - nicht nur ein Erwerbungsprogramm

Die Erwerbung seltener, in deutschen Bibliotheken oder sogar weltweit nicht nachgewiesener deutscher Drucke beinhaltet für die Bibliotheken besondere Aufgaben in der Erhaltung und Erschließung dieser einzigartigen Quellen.

Im Rahmen der Bestandserhaltung werden die neuerworbenen Antiquaria regelmäßig auf ihren Erhaltungszustand überprüft und bei Bedarf restauratorischer Maßnahmen unterzogen. So weit es möglich ist, werden die seltensten, bzw. die vom Zerfall besonders betroffenen Stücke, verfilmt oder digitalisiert.

Alle Erwerbungen werden in den zuständigen Verbunddatenbanken nach den besonderen Standards für alte Drucke ³ erschlossen. Darüber hinaus fließen die Daten in wichtige Spezialverzeichnisse ein wie den Incunabula Short Title Catalog, die nationalbibliografischen Verzeichnisse VD16 und VD17, Zeitschriftendatenbank (ZDB) und Altkarten-Datenbank (IKAR). In Wolfenbüttel, Göttingen und Frankfurt dokumentieren elektronische Neuerwerbungslisten regelmäßig den Ausbau der Sammlungen. In der Niedersächsischen Staatsbibliothek wird zur Ergänzung der Titelaufnahmen zusätzlich bei allen seit 2003 erworbenen Titeln eine Bilddatei des Titelblatts im Internet bereitgestellt, auf die aus der Titelaufnahme heraus als Hyperlink zugegriffen werden kann.

Zusätzlich zu der praktizierten Erschließung arbeiten die SDD-Bibliotheken an einer Erweiterung ihres Angebots an bibliografischen und exemplarspezifischen Daten der von ihnen erworbenen seltenen deutschen Kulturdokumente. In diesem Rahmen ist auf die in Wolfenbüttel und Göttingen begonnene Verzeichnung der in den Drucken enthaltenen Provenienzen hinzuweisen, über die demnächst an dieser Stelle ausführlicher berichtet wird.

Besondere Aufgaben ergeben sich für die AG SDD auch im Bereich der Digitalisierung ihrer seltenen Bestände. Nachdem alle Bibliotheken seit einigen Jahren Teile ihrer antiquarischen Neuerwerbungen in entsprechende Digitalisierungsprojekte einbringen (s. z.B. Druckgraphische Buchillustrationen des 15. Jh. in München, Festkultur online in Wolfenbüttel, Itineraria in Göttingen, 1848 - Flugschriften im Netz in Frankfurt, Preußische Rechtsquellen digital in Berlin und Exilpresse in Der Deutschen Bibliothek) mündeten die Aktivitäten nun in dem Vorhaben zu einem Portal digitalisierter Drucke (PDD), für das 2004 mit den Verbundzentralen des Gemeinsamen Bibliotheksverbundes und des Hochschulbibliothekszentrums des Landes Nordrhein-Westfalen ein gemeinsamer Antrag bei der DFG eingereicht wurde. Ziel wird es sein, möglichst viele der derzeit disparat vorliegenden Digitalisierungsprojekte zu alten Drucken unter einer Oberfläche zusammenzuführen.

Öffentlichkeitsarbeit

Über den Fortgang ihrer Tätigkeit berichten die Bibliotheken in einzelnen Beiträgen, darüber hinaus gibt es in diesem Bereich gemeinsame Aktivitäten der Arbeitsgemeinschaft. So präsentierte sie sich auf dem internationalen Bibliothekskongress der IFLA 2003 in Berlin in der Sektion der Nationalbibliotheken.

Die Referenten und Referentinnen der beteiligten Bibliotheken stellen speziell auf das jeweilige Sammelprofil zugeschnittene Ausstellungen zusammen, berichten in Veröffentlichungen und Vorträgen über die Neuerwerbungen und ihre Erschließung. Zu den zahlreichen Aktivitäten im Jahr 2003 gehörten u.a.:

Buchgestaltung im Exil 1933 - 1950. Ausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933 - 1945 Der Deutschen Bibliothek (Dezember 2002 - März 2003, Deutsche Bibliothek Frankfurt am Main).

Petra Feuerstein-Herz: "Martinus Opitius Dat, Dicat, Dedicat" - Provenienz- und Widmungsbände der Sammlung Deutscher Drucke 1601 - 1700 (In: Wolfenbütteler Barock-Nachrichten (Jg. 29) S. 115 - 139

Olaf Hamann: Proekt "Kollekcii nemeckich izdanij 1450 - 1912" gg. (In: Nacional'naja biblioteka v sovremennom sociokul'turnom processe. Rumjancevskie ctenija - 2002. - Vyp. 2. Moskva 2002. S. 96 - 103).

Auch wenn die Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke, namentlich während der Zeit der intensiven Förderung durch die Volkswagen-Stiftung zwischen 1989 und 1995, im Rückblick auf beinahe 15 Jahre Sammeltätigkeit schon bessere Erwerbungszeiten erlebt hat, ist es - wie dieser Arbeitsbericht belegen möchte - auch in diesen Jahren möglich, die Sammlungen erfolgreich auszubauen und dem Ziel einer retrospektiven Nationalbibliothek kontinuierlich näherzukommen. Die beteiligten Unterhaltsträger bringen damit ihre besondere Verantwortung für die Pflege von Kultur und Wissenschaft zum Ausdruck und schaffen durch die öffentliche Bereitstellung der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke die Voraussetzung für erfolgreiche Forschung und Lehre in Deutschland.



¹Grundlegend dazu B. Fabian: Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung. Schriftenreihe der Stiftung Volkswagenwerk; 24. Göttingen 1983; vgl. dazu auch B.F.: Eine Nationalbibliothek - in Segmenten. In: Das deutsche Buch. Bilanz der Förderung durch die Volkswagen-Stiftung. Wiesbaden 1995. S. 13-20

²Vgl. den Kurzbericht von Martina Giese: Zum Verkauf der Jagdbibliothek Kurt Linder im Jahr 2003. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen (22) S. 532 - 538

³Vgl. z.B. für den Bereich des Gemeinsamen Bibliotheksverbunds (GBV) den AAD-Standard für die autoptische Katalogisierung Alter Drucke Arbeitsgemeinschaft Alte Drucke beim GBV
 
E-Mail-IconDr. Thomas Stäcker