Raabe, Wilhelm: Der Hungerpastor. - [Berlin]: Oberkommando der Wehrmacht, Allgemeines Wehrmachtamt, Abt. Inland. - [1943]. - 365 S., kl. 8. - (Soldatenbücherei; Bd. 47)
Druck: Bibliographisches Institut
Lizenzgeber: Hermann Klemm, Leipzig
Umschlaggestaltung: Karl Stratil
Sign.: SA 10689 - 47
Der Band 47 der ausschließlich für die Wehrmacht gedruckten "Soldatenbücherei des Oberkommandos der Wehrmacht", 1943 erschienen, ist ein Beispiel für das Vorherrschen "unpolitischer" und unterhaltender Titel, die dem Soldaten im vierten Kriegsjahr anstatt ideologisch-propagandistischer Indoktrination eine Rückzugsmöglichkeit aus der Realität bieten sollte. Ob die für diese Ausgabe hinzugefügte Nachbemerkung daran etwas änderte, darf bezweifelt werden: "Mit ihnen [den lesenden Landsern] blickt er [Raabe] in die Tiefen der deutschen Geschichte, erlebt Not, Untergang und neues Werden und glaubt mit ihnen an die kommende Einheit und Größe unseres Volkes und Reiches." Von der Realität der Kriegswirtschaft im Jahre 1943 zeugen das schlechte Papier und die Drahtheftung des Bandes, dessen Herstellung vom Bibliographischen Institut Leipzig ausgeführt wurde. Nach Schätzungen von Hans-Eugen Bühler hat das Bibliographische Institut als größter Direktlieferant des OKW allein ca. 50 Titel dieser Reihe mit zwischen 3,5 und 4 Millionen Exemplaren gedruckt!
Die Ausgabe des Raabe-Textes verweist stellvertretend auf das Thema nationalsozialistische Literaturpolitik und deutsches Verlagswesen. Seit dem Machtantritt Hitlers hatte sich diese durch zunehmende Vereinnahmung und Instrumentalisierung von Büchern zur Beeinflussung des Denkens und Handelns von Menschen für die nationalsozialistische Herrschaftssicherung ausgezeichnet. Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs wurde diesbezüglich eine neue Dimension erreicht. Der Verlagsbranche eröffneten sich seit dem September 1939 gewaltige Gewinnchancen. Für die Versorgung der Soldaten an der Front mit Lektüre bildete sich ein ganzes System von Buchproduzenten und -verteilern sowie von Kontrollinstanzen heraus, das keineswegs homogen und in sich widerspruchfrei war, aber auf jeden Fall zu tiefgreifenderen Verschiebungen des Buchmarkts führte, als lange Zeit angenommen wurde. Zwischen ökonomischen Erwägungen der Gewinnmaximierung und der Behauptung von Marktpositionen einerseits sowie von Existenzangst angesichts Papierkontingentierung und Verlagsschließungen bestimmter Anpassung an ein rigoroses Herrschaftssystem andererseits liegt ein dichtes Geflecht möglicher Handlungsmotive. Bis auf einige wichtige Ausnahmen gilt dieser Bereich der Buchgeschichte im Detail und auf einzelne Verlage bezogen als noch wenig erforscht. Für ihre Aufarbeitung sind ungedruckte Quellen aus den Verlagen und den nationalsozialistischen Herrschaftsinstitutionen ebenso unverzichtbar wie - auch angesichts der vielen verloren gegangenen Akten - die "Frontbücher" selbst als zeitgeschichtliche gegenständliche Quellen.
Eine 2004 erworbene Sammlung von rund 2.400 Frontbuchausgaben von Prof. Dr. Hans-Eugen Bühler (18.8.1936-17.2.2004) ergänzt und vervollständigt die im Bestand bereits vorhandenen Ausgaben. Hans-Eugen Bühler trug die Drucke im Rahmen seiner Beschäftigung mit der Organisation des Buchhandels im "Dritten Reich" zusammen. Von 1999 bis 2002 gehörte er als ausgewiesener Kenner des Frontbuchhandels zum Mitarbeiterstab der "Unabhängigen Historischen Kommission zur Erforschung der Vergangenheit des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich". Gemeinsam mit Edelgard Bühler veröffentlichte er 2002 seine Forschungsergebnisse: Der Frontbuchhandel 1939 - 1945. Organisationen, Kompetenzen, Verlage, Bücher (Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung, 2002).